Christoph Engemann
Samstag, 10. Dezember, 11.15 Uhr
Gouvernemedialität ist ein von Boris Traue und mir vorgeschlagener Begriff, um die Gouvernementalitätsforschung mit zeitgenössischer Medientheorie zu konfrontieren. Gouvernemedialität fragt, was passiert, wenn das Selbst, die Körper, Populationen, Territorium und Zeit im universellen digitalen Medium geschrieben werden. Gouvernemediale Analysen sollen den gegenwärtigen Medienwandel des Staates von papierbasierter Bürokratie zum E-Government zugänglich machen und die bislang unzulänglich thematisierten medialen Apriori gouvernementaler Praktiken exponieren.
Deutschland verfolgt mit der Gesundheitskarte eines der weltweit ambitioniertesten Projekte zur Einführung eines digitalen Gesundheitswesens. Im Rahmen der allgemeinen
Versicherungspflicht werden alle Bundesbürger in den nächsten 2 Jahren eine digitale Gesundheitskarte erhalten. Gleichzeitig werden Ärzte und Apotheker, wie auch andere im Gesundheitsbereich tätige, mit dem so genannten Heilberufsausweis ausgestattet.
In meinen Vortrag werde ich kurz die Komponenten und den gegenwärtigen Stand des Gesundheitskartenprojektes in Deutschland vorstellen, um anschließend auf die Rolle und Funktion des so genannten ‘Patientenfaches’ und elektronischer Fallakten bei der Gesundheitskarte einzugehen. Über Gesundheitskarte und Heilberufsausweis werden der Zugriffe auf digitale Krankenakten des Bürgers geregelt. Im Unterschied zum bisherigen papierbasiertem System, kann der Bürger eine weitgehende Kontrolle über seine Krankenakte sowie deren Daten bekommen. Zudem wird ihm erlaubt, selbst Daten in das Patientenfach und seine elektronische Fallakte zu schreiben.
Die Digitalisierung des Gesundheitswesens bringt somit eine Verschiebung der Dokumentationspflichten gesundheitsrelevanten Verhaltens hin zu den Bürgern mit sich. Das Messen von Blutdruck- und Blutzuckerwerten, von Gewicht, von Trainings- und Ernährungsdaten kann in teilweise automatisierter Weise vom Bürger selbst erfolgen. Der Besuch in einem Fitnesstudio könnte so in Echtzeit in elektronische Fallakten geschrieben werden. Medizingerätehersteller wie Philips entwickeln bereits Gadgets für den sich hier abzeichnenden Markt des sich selbst Messens und Dokumentierens. Die Verfügbarkeit der Dokumentationsdaten und die Möglichkeit des Abgleichs derselben mit Standartwerden, bzw. mit aktuellen Daten anderer Mitglieder der Population – wie z.B, derzeit beim Produkt Nikeplus der Firmen Apple und Nike schon realisiert – stellt dabei das Individuum in eine gouvernemediale Beziehung: das eigene Gesundheitshandeln ist medial immer schon in Beziehung auf andere und ihre Performances gestellt.
Hier wird mein Beitrag anhand von ausgewählten Beispielen erstens untersuchen, welcher veränderter Selbstbezug zum eigenen Körper, zweitens aber auch zur Population mit diesen Entwicklungen ermöglicht wird. Drittens soll ausgewiesen werden, wie Medien zu einem zentralen Moment zeitgenössischer Regierungskunst geworden sind und die Gesellschaft aktiv zum Teil der Re-medialisierung des Regierens gemacht wird.