Mediale Innovationen und überhöhte Transformationshypothesen

Jan-Felix Schrape
Freitag, 9. Dezember, 9.00 Uhr

An neue Medien werden seit jeher weitreichende Erwartungen geknüpft: Der Bildschirmtext sollte die »größte Informationsrevolution seit der Erfindung des Buchdrucks« werden (Spiegel 24/1985), das Kabelfernsehen zur »Schaffung basisdemokratischer Strukturen« beitragen (Modick 1984) und das World Wide Web schon in seiner Gründerzeit die »Cyberdemokratie« (Siegele 1996) bzw. die Utopien der Radiotheorie Brechts (Holland 1997) wahr werden lassen. Und nach einer kurzen Baisse infolge der geplatzten ›Dotcom‹-Blase feierten Spiegel und Zeit ab 2005 unter Titeln wie »Du bist das Netz!« erneut die Erlösung der Konsumenten aus ihrer ungewollten Passivität sowie den Verfall klassischer Autoritäten durch das »selbstkontrollierte Netzwerkwissen« (Sixtus 2005, Horning 2006). Zukunftsforscher wie Kruse (2010) sprechen im aktuellen Diskurs von einer »Demokratisierung der Gesellschaft«, Medienwissenschaftler wie Münker (2009a, 2009b) von der »Chance auf eine transparentere Welt« und Zeitdiagnostiker wie Hasler (2010) von der »Stunde der Laien« (vgl. ferner auch Castells 2009; Schmidt 2009; Winter 2010; Albrecht 2010).

Augenscheinlich lässt sich eine gewisse Konstanz in den übersteigerten Erwartungen gegenüber neuen Kommunikationstechniken feststellen, die wiederum auf den allgemeinen öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs zurückwirken. Vorliegender Beitrag möchte mit Rückgriff auf Forschungsergebnisse zum Verhältnis von »Social Media« und Massenmedien (Schrape 2010a, 2010b) – sowie ferner zu den Entwicklungen auf dem E-Book-Markt (Schrape 2011a, 2011b) – die Visionen aus der Phase der frühen Nutzer neuer medialer Möglichkeiten mit den tatsächlichen Entwicklungen in den Nutzungs- bzw. Rezeptionsweisen kontrastieren: In einer langfristigen Beobachtung der technologischen Innovationen selbst, der Adaptionsstrategien der Akteure in den betroffenen Mediensektoren, der Veränderungen in den nutzerseitigen Qualitätszuschreibungen und Nutzungspräferenzen sowie der Wechselwirkungen mit übergreifenden rechtlich-regulativen und soziokulturellen Rahmungen soll diskutiert werden, vor welchen Hintergründen überhöhte Transformationshypothesen entstehen und welche erratischen Annahmen und unberücksichtigten Einflussfaktoren dazu führen, dass sich viele dieser zumeist positiven Zukunftsvorstellungen zu einer neuen »Medienwelt« (z.B. mehr Partizipation, mehr Transparenz, mehr »bottom-up«-Innovationen) gesamtgesellschaftlich nicht durchsetzen können.

In verständlicher Weise zurückgegriffen wird dabei mit der Systemtheorie (Luhmann 1997), der relationalen Soziologie (Fuhse/Münzel 2010) und dem techniksoziologischen Institutionalismus (Werle 2003) auf drei sich ergänzende analytische Frameworks sowie vielfältige empirische Studien zu den Veränderungen in den Nutzungspräferenzen der deutschen Onliner bzw. Nutzer im Verlauf der letzten 15 Jahre (z.B. ACTA, ARD/ZDF-Onlinestudie).

Die Betrachtungen münden in der These, dass die Veränderungen in Mediensektoren/-märkten mit evolutionären Wandlungsprozessen vergleichbar sind, in denen Variablen auf unterschiedlichen Selektionsebenen ineinander wirken, deren Vielfalt in kurzfristigen Momentbeobachtungen nivelliert wird: Gerade in der Phase der innovationsaffinen »early adopters« neuer medialer Möglichkeiten werden deren Nutzungspräferenzen (z.B. zur aktiven Informationsselektion) allzu schnell auf die allgemeine Bevölkerung verlängert, ohne weitere soziokulturelle Variablen zu berücksichtigen oder zu hinterfragen, welche Gründe gegen eine übergreifenden Annahme der neuen Kommunikations- oder Rezeptionsmöglichkeiten sprechen könnten. Die aus diesen verkürzten Überträgen resultierenden übersteigerten Transformationshypothesen beeinflussen aber wiederum die Ausgestaltung regulativer Rahmenbedingungen sowie die Diskurse in weiteren betroffenen soziokulturellen Kontexten und erschweren im schlechtesten Falle den Blick auf zunächst weniger drastisch scheinende graduelle Veränderungen.

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