Sebastian Gießmann
Samstag, 10. Dezember, 12.00 Uhr
Die Frage, wie der Nationalstaat — nach seinem infolge von 9/11 vorübergehend ausgesetztem Ende — mit den transnationalen Akteursnetzwerken des Internets umgeht, hat die Ebene der akademischen Reflexion verlassen. Längst wird nicht mehr nur in Unrechtsregimen der Drang zu Eingriffen in die Freiheiten der vernetzten Kommunikation stärker. Wie ließe sich vor diesem Hintergrund eine Gouvernemedialität (Christoph Engemann) der Gegenwart beschreiben?
Diese erscheint einerseits mit den neuen Formationen sozialer Medien und digitaler Öffentlichkeiten verwachsen. Andererseits treffen in ihr Praktiken der Selbstüberwachung auf den Datenhunger der digitalen Ökonomien (et vice versa), während das Sicherheitsversprechen staatlicher Überwachung eine gesamteuropäische Angelegenheit geworden ist. Die Rechtssetzung und Rechtsdurchsetzung erweist sich in dieser unübersichtlichen Lage regelmäßig als Verzweiflungsgebiet, denn sie bleibt nur innerhalb des nationalstaatlichen Rahmens einigermaßen erfolgsversprechend.
Der Vortrag wird sich mit der Provokation staatlicher Macht durch diejenigen Akteurs-Netzwerke auseinandersetzen, welche den neuerlichen Versuchen einer Territorialisierung des Internets deterritorialisierende Medienpraktiken entgegensetzen. Dem “Paradox des Nationalen” (Saskia Sassen), so die Prämisse, steht eine lebendige Mediensubkultur des Internets gegenüber. Die leakenden, bloggenden, flashmobbenden und twitternden Taktiken des digitalen Aktivismus bedienen sich fröhlich der Medienmacht, die ihnen Google, Apple und Facebook auf Zeit verleihen. In den Kampfbegriffen der deutschen Akvistenszene (“Schwarmintelligenz”, “Kontrollverlust”), ihren Narrativen (“Meme”, “Echokammern”) entfaltet sich wie in ihren Medienpraktiken ein Gegendiskurs, der in den Zwischenräumen digitaler Öffentlichkeiten der staatlichen Kontrolle zu entkommen sucht.