Fernand Hörner
Freitag, 9. Dezember, 12.30 Uhr
Popularmusik ist nicht nur Medienkontrolle von außen unterworfen, von der Warnung vor „explicit lyrics“, kulturkritischen Diskursen bis hin zur Indizierung. Auch innerhalb der verschiedenen Musik(Sub-)kulturen wird intensiv erörtert, wer unter welchen Umständen welche Musik glaubwürdig machen, aber auch hören darf. Popularmusik unterliegt trotz freier (entgeltlicher oder unentgeltlicher) medialer Verfügbarkeit strengen Diskursen über Normen, Handlungsmacht, die Deutung der eigenen Geschichte, der Verpflichtung zur Tradition etc.; nicht nur in Bezug auf die Musiker und (im doppelten Wortsinn) Produzenten, sondern auch auf die Rezipienten.
Paradigmatisch dafür im deutschen Raum soll der Song „Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt“ behandelt werden. Damit trat Jan Delay, ehemaliger Rapper der HipHop-Band Absolute Beginner 2001 mit seiner ersten Solo-Single in Erscheinung, um denen „mit dem Sonnenbank-Funk und dem Talkshow-Soul, [...] mit dem Kaufhaus-Punk und dem hannoveranischen Rock’n’Roll“ die Rezeption seiner Lieder zu untersagen. Dass Jan Delay mit dieser Single die Charts eroberte, weist schon auf die zentrale paradoxale Spannung zwischen subkulturellem Gestus und kommerziellem Erfolg, Selbst- und Sendungsbewusstsein, lokaler Verankerung und globalem Bezugsrahmen hin.
Ausgehend von einer diskursanalytischen Analyse der Rezeption des Liedes bei seiner Veröffentlichung 2001, soll die Frage gestellt werden, welche medialen Umbrüche 2011, zehn Jahre durch die Einführung von Videoportalen wie youtube zu beobachten sind: Verlaufen die Diskussionen zu den User-Uploads von Jan Delays Song und dem gleichnamigen Musikvideo in Hinblick anders ab als bei der Erstveröffentlichung vor zehn Jahren?
Dass sich Johnny Marr und Morrissey letztes Jahr die Begeisterung des britischen Premierministers David Cameron für ihre ehemaligen Band The Smiths per twitter (“David Cameron, stop saying that you like The Smiths, no you don’t. I forbid you to like it“) bzw. Homepage-Botschaft verbeten wollten, soll exemplarisch für den anglophonen Raum zeigen, dass die Aushandlungen des existentiellen Spagats zwischen Mainstream und Subkultur, zwischen Verbeugung vor und Abweisung des Publikums, durch die Neuen Medien diskussionswürdigen Transformationen unterworfen wurde.
Welche Rolle spielt die rechtliche Situation, von der Urheberrechtsfrage im web 2.0 bis hin zur Frage, ob und wie man als Künstler tatsächlich Kontrolle über die Rezeption (das Hören der Lieder) und Reproduktion (das zitierte „Singen“ der Lieder, aber auch die Bearbeitung des Audio- und Videomaterials im web 2.0) beanspruchen darf? Die Frage, ob und wie sich die Diskurse um Authentizität und die „falschen“ Fans am Beispiel Jan Delay und The Smiths verändert haben, soll dabei stellvertretend für die Frage nach den veränderten medialen Kontrolldiskursen in der Popularkultur im Allgemeinen behandelt werden.