Kirstin Schmidt
Freitag, 9. Dezember, 10.45 Uhr
In der jüngsten Gegenwart schießen fast täglich neue interaktive, multimediale Formen und Medien der Erinnerungskultur aus dem Boden. Von Videotagebüchern Holocaustüberlebender, geschichtsdidaktischen Lernprogrammen und virtuellen Rundgängen durch Museen und Gedenkstätten, bis hin zu Freundschaften mit Holocaustopfern auf Facebook oder dem Youtube Video „Dancing Auschwitz“ spannt sich der Bogen der schier unbegrenzten Möglichkeiten der Erinnerungskultur Web 2.0. Dabei ist klar, dass diese neuen Erinnerungsformate in erster Linie die junge multikulturelle (Medien-)Generation ansprechen sollen – ein Bedürfnis, das besonders durch die wachsende zeitliche und emotionale Distanz zum Ereignis und den historischen Bruch durch den Wegfall der Augenzeugengeneration in den Vordergrund rückt. Neben medialen Debatten werden diese neuen Möglichkeiten der Erinnerungskultur auch zunehmend Be-standteil einer von jeher interdisziplinär und kontrovers geführten Erinnerungsforschung. Dass der unaufhaltbare Fortschritt der Medien- und Kommunikationskultur nun auch vor diesem sensiblen Thema nicht haltmacht, wird dabei nicht nur von Medienkritikern argwöhnisch beäugt, sondern führt (erneut) zu mannigfaltigen Diskussionen über die medialen, visuellen Darstellungsmöglichkeiten des Holocaust und die Grenzen des „guten Geschmacks“.
Für die Verfechter des traditionellen Gedächtnisparadigmas stellt sich vor allem die Frage, wo-hin sich die etablierten traditionellen Erinnerungsmedien wie die Literatur, der Film, die Fotografie oder die Institutionen wie das Museum oder die Gedenkstätte entwickeln, wenn gesellschaftliche Erinnerungsprozesse zunehmend über die neuen Medien vermittelt werden und damit nicht mehr institutionell geleitet, sondern in den Weiten und Möglichkeiten des Internets außer Kontrolle geraten können. Gerade für ein Thema wie die deutsche Vergangenheit bleibt die Frage virulent, ob die neuen Medien den richtigen Rahmen für „aufrichtiges Gedenken“ und, im speziellen Fall von Facebook, den angemessenen Kommunikationsort für Aus-handlungsprozesse des Vergangenen bieten können. Die Befürchtung, hier an einer Schwelle zu stehen, an der die über Jahrzehnte hinweg gefestigten Narrative, Medien und Gedächtnisse der „Modernisierungswut“ anheimfallen und ein „Verschwinden von Realität, Geschichte und
Gedächtnis“ (Assmann 2004) evozieren, zeugt sicherlich von einer gewissen Dramatik apokalyptischer Vorstel-lungen, wird aber angesichts zunehmender Geschichtsmüdigkeit und gleichzeitig steigendem Eventanspuch unserer Alltagswelt zum diskutablen Moment.
Mein Vortrag möchte an diesem Punkt ansetzen und zum Einen die Entwicklungslinie traditioneller Erinnerungsformate und -medien zu den neuesten Medien (exemplarisch am Beispiel Facebook) nachzeichnen. Zum Anderen möchte ich diskutieren, wohin uns diese Veränderungen und Diskurse führen, welche Möglichkeiten und Chancen einerseits und welche Gefahren und Grenzen sich andererseits offenbaren. Dabei möchte ich entgegen einer Endzeitstimmung zeigen, dass wir es mit diesen neuen medialen Angeboten nicht per se mit einer Gefahr für alte Traditionen zu tun haben, sondern hier vielmehr traditionelle Muster und Verfahrensweisen verwendet und unter den Bedingungen der neuen Technologien transformiert werden. Auf Facebook werden zudem nicht nur mediale Eigenschaften transformiert, sondern in besonderer Weise der Prozess des Erinnerns abgebildet und für die Zukunft geöffnet. Wenn wir nämlich die Vergegenwärtigungsprozesse und das Erinnern als genuin soziale Handlungen auffassen, gewinnt das soziale Kommunikationsnetzwerk Facebook geradezu folgerichtige Relevanz, indem hier eine interaktive, lebendige Aneignung in dem zunehmend an Relevanz gewinnenden neuen Aktionsradius des WWW möglich wird. Dass dabei zwangsläufig verschiedene Ebenen miteinander verschmelzen (z.B. social network und Holocaustgedenken) und die Kontrolle über Erinnerungsnarrative durch die Eigenschaften der neuen Medien entgleiten kann, lässt sich, so meine Meinung, sowohl als besonders positive als auch als besorgniserregende negative Perspektive diskutieren.
Spannendes und sehr wichtiges Thema, dem sich auch die traditionell konservative Historikerzunft hoffentlich noch breiter öffnen wird.
Eine Bitte: Unbedingt die manuelle Silbentrennung aus dem obigen Text rausnehmen – stört den Lesefluss und wirkt, als ob niemand die Seite kontrolliert.
Danke für den Hinweis!