Bürokratie des Selbst

Maren Lehmann
Donnerstag, 8. Dezember, 17.00 Uhr

Ein soziologischer Blick nicht nur auf die abstrakte ›Freiheit des Einzelnen‹ oder dessen ›individuelle Autonomie‹, sondern auf die konkrete Möglichkeit des Individuums als kommunikativ zugleich identifizierbare und reservierbare Individualität zeigt, dass diese Möglichkeit keine historische Universalie darstellt; das Individuum wird vielmehr im Zuge des Wechsels von primär stratifikatorischer zu primär funktionaler Differenzierung der Gesellschaft als Nebenprodukt der bürokratischen Selbstorganisation des Absolutismus erfunden. Von daher besteht kein Zweifel daran, dass Individualität eine Form sozialer Kontrolle darstellt; es handelt sich um das Produkt eines Identifikationsalgorithmus, der die Unruhe der Gesellschaft bzw. die Flüchtigkeit ihrer Ressourcen positional bestimmt und auf diese Weise Ordnung errechnet. Das Individuum wird dadurch als variabel anerkannt (es ist, mit Nietzsche, ein ›Dividuum‹), denn Negationen des Individuums laufen über Positionswechsel und über Rearrangements der Positionen, so dass das Kontrollproblem als Kalkül der Ordnung mit ihren eigenen Möglichkeiten entworfen werden kann.

Das Medium dieses bürokratischen Algorithmus war um und seit 1700 eine Rechnung in Matrizen und Tabellen auf Papier, eine Buchführung über die Ressourcen eines Territoriums und damit ein Kalkül mit dem Sinn eines feudums einerseits und eines Status’ andererseits. Zur gleichen Zeit wird damit begonnen, diese Rechnung im Medium der Biographie narrativ zu kommentieren (anfänglich in Beichttagebüchern, Leichenpredigten und Verhörprotokollen, dann in sich immer weiter differenzierenden Varianten der ›Selberlebensbeschreibung‹ und in zahllosen Entwicklungsromanen), die ihrerseits das Kontrollproblem als Identifikationsproblem im Sinne eines Kalküls mit sozialer Variabilität bzw. mit der Differenz von Position und Negation sozialer Ordnung verstehen.

Der vorgeschlagene Beitrag wird der Frage nachgehen, wie sich dieses Problem im Kontext ›neuer‹ oder gar ›neuester‹ Medien verändert (wobei zu fragen sein wird, was diese Begriffe bezeichnen). Der Titel Bürokratie des Selbst deutet die Hypothese an, es handele sich um eine Buchführung über die Fassaden des Individuums bzw. über das Arrangement seiner ›faces‹, die zugleich Arbeit an diesen Fassaden und an diesem Arrangement ist (also ›facework‹, mit Goffman): eine inverse Bürokratie, die immer noch mit der Differenz von Position und Negation (Identität und Individualität) rechnet, aber nicht mehr eine der Seiten dieser Differenz (weder Identität qua Position noch Individualität qua Negation) präferiert, eine Bürokratie also, deren Souverän der Rechner selbst ist.

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