Carsten Ochs
Samstag, 10. Dezember, 9.30 Uhr
Informations- und Kommunikationstechnologien (IKTs) und von diesen getragene Netzwerke werden seit einigen Jahren in tendenziell globalem Maßstab verbreitet. Dabei kommt es verstärkt zu wechselseitigen Anpassungsprozessen: Zum einen geraten soziokulturelle Formationen durch den Einbezug von IKTs in das Repertoire ihrer soziotechnischen Praktiken unter Veränderungsdruck; zum anderen werden auch die „phänotypischen“ Formen der IKTs selbst diversifiziert. Letzterer Prozess wird üblicherweise „Localization“ genannt, und die Emergenz einer millionenschweren Software Localization Industry legt von der Relevanz desselben beredt Zeugnis ab. Doch lassen sich indes auch auf non-profit Basis angesiedelte Versuche beobachten, IKTs zu lokalisieren und damit deren Verbreitung zu fördern. Ein eben solches Lokalisierungsprojekt habe ich für meine Dissertation untersucht.
Im Rahmen dieses Projektes werden nicht nur Software-Interfaces in lokale Sprachen übersetzt, sondern auch Trainings-Sessions (u.a.) in Schulen im ländlichen Raum Pakistans durchgeführt. Im Rahmen des Trainings erzeugt und verbreitet das zuständige Team strategisch Sinnhorizonte, Nutzungsnormen, Diskursfiguren usw. zur Durchsetzung von IKTs bei ErstnutzerInnen. Es lässt sich daher an diesem transnational vernetzten Projekt exemplarisch studieren, wie die Kulturtechnik des Digitalisierens in best. Regionen Asiens in kulturelle Praxis umgesetzt wird. Im Rahmen einer multi-sited ethnography zu dem Projekt führte ich drei Feldforschungs-Aufenthalte an versch. Projekt-Standorten durch: In Lahore/Pakistan (regionale Projekt-Leitung, pakistanisches Lokalisierungs-Team), Singapur (Südost-Asien Büro der „Entwicklungsorganisation“) und Ottawa/Kanada (Hauptquartier der „Entwicklungsorganisation“). Dies ermöglichte eine Erforschung des Projektes in zwei Dimensionen: Erstens wurde die strukturelle Logik des Projekt-Netzwerks, die Übersetzung von Interessen (M. Callon) innerhalb desselben sowie der machttechnische Modus zur Stabilisierung der Übersetzungsprozesse analysiert; zweitens wurde die konkrete Strategie zur Durchsetzung von IKTs am Projekt-Standort Lahore untersucht und rekonstruiert. Eines der zentralen Interessen, das das Projekt-Netzwerk mit dem Projekt verbindet, besteht nun in der Erzeugung offener Nutzungskulturen bzw. Sozialstrukturen (unbeschränkter Zugang zu Informationen). Wie die Analyse jedoch verdeutlicht, scheitert die Übersetzung dieses Interesses bis in die Trainings-Strategie des pakistanischen Projektteams. Während aufseiten eines Großteils der Projekt-Akteure (inkl. des pakistanischen Teams selbst) Einigkeit darüber herrscht, Offenheit im o.g. Sinne als positive sanktionierte Norm zu perspektivieren, kommt im Rahmen des IKT-Trainings mit den anvisierten EndnutzerInnen eine Machttechnik zum Einsatz, welche der positiv sanktionierten Norm Offenheit zuwiderläuft: Kontrolle. Als Begründung wird durch die Projekt-Akteure der Umstand angegeben, dass Kontrolle ausgeübt werden müsse, weil Zugangsbeschränkung als Element des normativen Rasters der bisherigen Kultur der EndnutzerInnen notwendig reproduziert werden müsse – sonst wäre das Training von vornherein nicht durchzuführen. Alle Projekt-Akteure thematisieren somit die Unterscheidung Offenheit/Kontrolle. Damit wird letztere in Form eines transnational stabilen Problemfeldes als sozialanthropologisches Apriori der IKTs sichtbar. Während IKTs zwar per se keine räumlich und zeitlich stabilen Machttechniken hervorbringen (Kontrollgesellschaft o.ä.), verweisen sie doch grundsätzlich auf die anthropo-logische machtvolle Regulierung von Kommunikation – und auf deren potentielles Aufbrechen.