„Disziplinlosigkeit des Wissens“ und Regulierung neuer Medien um 1900. Jugendmedienschutz im Spiegel des kaiserzeitlichen Schundkampfs

Kaspar Maase
Freitag, 9. Dezember, 15.00 Uhr

Die Auseinandersetzung um „Schmutz und Schund“ im deutschen Kaiserreich (1890-1918) kann als Antwort auf den Übergang zur modernen Mediengesellschaft gelesen werden. Volkserzieherische Aktivisten versuchten, neue Medien(formate) wie Heftse-rien und den Kinofilm zu kontrollieren und zu „zähmen“. In ihren Augen eröffnete der Umbruch der Medienkonstellation einen präzedenzlosen und hoch problematischen Zugang zu nicht mehr volkspädagogisch kontrollierbaren Wissensbeständen; das betraf insbesondere die Unterschichten, die Frauen und die Heranwachsenden. An-gesichts der durch kommerzielle Massenmedien geschaffenen „Disziplinlosigkeit des Wissens“ galt es, wie ein Zeitgenosse formulierte, „die ‚wilden‘ Masseneindrucksvermittler wieder einzufangen und sie zu kanalisieren“.

Im Vergleich mit aktuellen Debatten lässt sich zeigen, dass seit 1900 der Zugang von Kindern und Jugendlichen zu nicht pädagogisch kontrolliertem Wissen einen Fokus der sozialen Wahrnehmung und Thematisierung neuer Medien in Deutschland darstellt; andere Problemfelder des kaiserzeitlichen „Schundkampfs“ (Geschmackserziehung; „Verrohung“ der „classes dangereuses“) sind hingegen weitgehend in den Hintergrund getreten. Ein kulturanthropologisches Erklärungsmodell für diese Konti-nutätslinie hat Margaret Mead in ihren Überlegungen zur gesellschaftlich organisier-ten Weitergabe von Wissen im Generationenverhältnis vorgeschlagen. In „präfigura-tiven“ Verhältnissen zeigt die junge Generation überlegene Kompetenzen im Um-gang mit dynamisch sich wandelnden gesellschaftlichen Handlungsfeldern (wie etwa neuen Medien); das bedroht die Autorität der Älteren und erzeugt Angst vor „Kindern, von denen wir nichts wissen“ (Mead). Diese Wahrnehmung der damaligen Medienkonstellation artikulieren die Quellen um 1900 ebenso wie wir sie in heutigen Stel-lungnahmen gegenüber neuen Medientechniken und -dispositiven finden.

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